Die Winterstromlücke ist eine der grössten Herausforderungen der Schweizer Energiewende. Alpine Solaranlagen können einen wesentlichen Beitrag zur Schliessung dieser Lücke leisten, denn sie produzieren bis zu 50 % mehr Strom im Winter als vergleichbare Anlagen im Mittelland. Welche Standorte sich in der Ostschweiz eignen und wie der Winterstrom-Bonus funktioniert.
Warum alpine Solaranlagen so viel Winterstrom liefern
In den Alpen herrschen im Winter grundlegend andere Bedingungen als im Mittelland. Während die Täler oft tagelang unter einer Nebeldecke liegen, scheint in den Bergen die Sonne. Oberhalb der Nebelgrenze (typischerweise 800 bis 1'200 Meter) sind die Sonnenscheindauer und die Einstrahlung im Winter deutlich höher.
Hinzu kommen physikalische Vorteile: Die dünnere Atmosphäre in der Höhe absorbiert weniger Sonnenlicht, was zu einer höheren Einstrahlung pro Quadratmeter führt. Die kälteren Temperaturen verbessern den Wirkungsgrad der Solarmodule erheblich – bei minus 10 Grad Celsius arbeiten Module rund 15 % effizienter als bei plus 25 Grad.
Der Schnee spielt eine Doppelrolle: Einerseits kann er Module bedecken und die Produktion kurzzeitig unterbrechen. Andererseits reflektiert er das Sonnenlicht (Albedo-Effekt) und erhöht so die Einstrahlung auf geneigte Module um bis zu 30 %. In der Summe überwiegen die Vorteile deutlich.
Alpine Solaranlagen produzieren im Winter bis zu 50 % mehr Strom als vergleichbare Anlagen im Mittelland – genau dann, wenn die Schweiz den Strom am dringendsten braucht.
Geeignete Standorte in der Ostschweiz
Die Ostschweiz bietet mehrere vielversprechende Standorte für alpine Solaranlagen:
Churfirsten-Region: Die Südflanke der Churfirsten im Toggenburg bietet ideale Bedingungen. Die steile Südexposition und die Höhenlage von 1'500 bis 2'000 Metern sorgen für maximale Winterstromerträge. Bestehende Infrastruktur der Skigebiete kann für den Netzanschluss genutzt werden.
Alpstein/Säntis-Gebiet: Die Region um den Säntis ist eines der sonnenreichsten Gebiete der Ostschweiz. Auf bestehenden Alpgebäuden, Berggasthäusern und Infrastrukturbauten könnten Solaranlagen installiert werden, die wertigen Winterstrom produzieren.
Pizol-Region: Im Gebiet der Fünf Seen und des Pizol oberhalb von Bad Ragaz und Wangs gibt es Standorte, die für grössere alpine Solaranlagen in Frage kommen. Die gute Erreichbarkeit und die vorhandene Infrastruktur der ehemaligen Skigebiete sind ein Vorteil.
Flumserberg: Das grösste Skigebiet der Ostschweiz verfügt über eine gut ausgebaute Infrastruktur, die für den Netzanschluss alpiner Solaranlagen genutzt werden könnte. Die südexponierten Hänge bieten ideale Bedingungen.
Der Winterstrom-Bonus des Bundes
Der Bund hat mit dem neuen Energiegesetz 2026 den Winterstrom-Bonus eingeführt. Dieser belohnt Solaranlagen, die einen besonders hohen Anteil ihres Stroms im Winterhalbjahr produzieren. Der Bonus wird zusätzlich zur Einmalvergütung ausbezahlt und kann die Wirtschaftlichkeit alpiner Anlagen erheblich verbessern.
Die Berechnung des Winterstrom-Bonus basiert auf dem Verhältnis von Winter- zu Sommerproduktion. Anlagen, die mindestens 40 % ihres Jahresertrags im Winterhalbjahr (Oktober bis März) produzieren, qualifizieren sich für den Bonus. Alpine Anlagen erreichen typischerweise Werte von 45 bis 55 % – deutlich über der Schwelle.
Auch Anlagen im Tal können vom Winterstrom-Bonus profitieren, wenn sie speziell für die Winterstromproduktion optimiert sind. Steile Dachneigungen, Ost-West-Ausrichtungen und Fassadenanlagen erhöhen den Winterstromanteil. In der Ostschweiz gibt es zahlreiche Gebäude, die sich für solche optimierten Anlagen eignen.
Herausforderungen alpiner Solarprojekte
Erschliessung: Abgelegene alpine Standorte sind schwieriger zu erschliessen. Der Transport von Materialien und Modulen in die Höhe erfordert Helikopter oder Seilbahnen, was die Kosten erhöht. Standorte mit bestehender Infrastruktur (Skigebiete, Alpstrassen) haben einen klaren Vorteil.
Netzanschluss: In der Höhe sind die Stromleitungen oft schwächer dimensioniert. Ein Netzausbau kann erforderlich sein, um grössere alpine Solaranlagen anzuschliessen. Die Kosten für den Netzausbau müssen in die Wirtschaftlichkeitsberechnung einbezogen werden.
Umwelt- und Landschaftsschutz: Alpine Solaranlagen stehen im Spannungsfeld zwischen Energieproduktion und Landschaftsschutz. Das neue Energiegesetz erleichtert zwar die Bewilligung, aber Umweltverträglichkeitsprüfungen und Interessenabwägungen sind weiterhin erforderlich.
Wartung: Solaranlagen in der Höhe sind schwieriger zu warten. Schneelast, Wind, UV-Strahlung und Blitzschlag stellen erhöhte Anforderungen an Material und Konstruktion. Robuste, für alpine Bedingungen ausgelegte Systeme sind unerlässlich.
Fassadenanlagen: Die Alternative zur alpinen Grossanlage
Nicht jede Winterstromanlage muss in den Alpen stehen. Fassadenanlagen an Gebäuden im Tal produzieren ebenfalls überdurchschnittlich viel Winterstrom, weil die steil stehenden Module die tiefe Wintersonne optimal einfangen.
Im Kanton St. Gallen gibt es tausende Gebäudefassaden, die sich für die Solarnutzung eignen. Besonders interessant sind die grossen Industrie- und Gewerbegebäude im Rheintal, im Toggenburg und in den städtischen Zentren. Moderne Fassadenmodule sind ästhetisch ansprechend und können in verschiedenen Farben und Formaten geliefert werden.
Der Winterstrom-Bonus gilt auch für Fassadenanlagen, die den geforderten Winterstromanteil erreichen. In Kombination mit der EIV und der kantonalen Förderung können Fassadenanlagen wirtschaftlich attraktiv sein – besonders wenn die Fassadensanierung ohnehin ansteht.
Fazit: Winterstrom ist der Schlüssel
Alpine Solaranlagen und Fassadenanlagen in der Ostschweiz können einen wesentlichen Beitrag zur Winterstromversorgung leisten. Der Winterstrom-Bonus des Bundes verbessert die Wirtschaftlichkeit, und die technischen Herausforderungen sind lösbar. Für den Kanton St. Gallen bieten sich zahlreiche Standorte an – von der alpinen Grossanlage bis zur Fassade im Tal. Prüfen Sie Ihre Möglichkeiten mit unserem PV-Rechner.